Lahl U., Gosten A., Kummer B., Quicker P., Zeschmar-Lahl, B. (2026): Europa nach 2030 – Die Entwicklung der Abfallwirtschaft zum industriellen Standortfaktor – ein Update. In: Thiel S., Thomé-Kozmiensky E., Quicker P., Gosten A., Stengler E. (Hrsg.): Abfallwirtschaft und Energie 3, 2–19, 2026

Der Vorschlag der Autoren besteht darin, sich auf eine einzige zentrale Verordnung zu stützen und bis 2050 eine vollständige Umstellung der Rohstoffbasis der Kunststoffindustrie (chemische Industrie) durch ein verstärktes Quotensystem (Defossilisierung) zu erreichen. Dies würde bedeuten, dass viele bestehende oder geplante regulatorische Bestimmungen aufgegeben werden könnten. Sobald die chemische Industrie die Gewissheit hat, ihre Rohstoffe beispielsweise aus Biomasse oder durch Recycling ihrer Produkte, also den heutigen Abfällen, zu beziehen, wird das Design für Recycling automatisch zum zentralen Geschäftsmodell der Industrie in ihren Wertschöpfungsketten.

Eine von den Autoren vorgeschlagene Defossilisierungsquote würde es ermöglichen, ehrgeizigere Ziele zu formulieren und den Unternehmen die Wahl kostengünstigerer Optionen für die Kohlenstoffversorgung (d. h. Biomasse und Recycling) zu ermöglichen. Dies würde der Abfallwirtschaft eine neue, aber zentrale Rolle als zukünftiger Rohstofflieferant zur Sicherung der Zukunft der Industrie geben.

Durch die Anerkennung aller drei Optionen zur Defossilisierung (Biomasse, Recycling, CCU) als gleichwertig sowie der Gleichwertigkeit von mechanischem und chemischem Recycling von Kunststoffen und Biomasse hätte die Wirtschaft die Möglichkeit, einen Technologiewettbewerb zu entwickeln und die wirtschaftlich vorteilhaftesten Optionen auszuwählen.

Die Defossilisierung würde einen Schub erhalten, wenn die heutige Abfallverbrennung (in WtE-Anlagen) als chemisches Recycling anerkannt würde, sofern dabei CO2 aus den Abgasen abgeschieden und künftig chemisch genutzt wird. Gleichzeitig müsste jedoch die Deponierung von Siedlungsabfällen in Europa auf Null reduziert und ähnlich verfahren werden wie bei der Abfallverbringung in Entwicklungs- und Schwellenländer.

In der Industriepolitik befindet sich Europa derzeit in einer schwierigen Lage. Insbesondere für Mitgliedstaaten wie Deutschland ist das Überleben ihrer Industrie gefährdet.

Neben der Energieversorgung ist die Versorgung mit erneuerbarem Kohlenstoff und dessen Recycling ein entscheidender Vorteil für die chemische Industrie. Deutschland und Europa sollten daher ihre international führende Abfallwirtschaftsinfrastruktur weiter ausbauen und als Standortvorteil etablieren.